Tätige Nächstenliebe
Als ich in Kalkutta war, hatte ich Mutter Teresa darauf angesprochen, dass ihre Missionare der Nächstenliebe sich von bescheidensten Anfängen zu einer Institution entwickelt hätten. Sie konterte: "Der Orden ist keine Institution. Er ist tätige Nächstenliebe, keine Institution."
Verzeihen Sie, ehrwürdige Mutter, ich wollte nur sagen, dass er sehr viel größer geworden ist, viel schwieriger zu leiten."Schon, aber wenn man es für Jesus tut und mit Jesus, dann ist nichts unmöglich." Folglich, so scheint es, überlässt sie es auch ganz ihm, sich über Probleme des Managements den Kopf zu zerbrechen. Gerade das Wachstum und das zunehmende Maß am Arbeit, erklärt sie, "zeigt doch, dass Gottes Werk ist, nicht meines. Obwohl wir so gewachsen sind, sind wir doch nach wie vor eine Familie."Soweit ich sehe, hat niemand ein genaues Bild davon, wie viele Millionen die Missionare der Nächstenliebe weltweit an Spenden erhalten. Vieles, was in den 71 Ländern eingeht, wird auch jeweils im Land verbraucht; wo Überschüsse bleiben, werden die Mittel je nach Bedarf weitergeleitet. Viele Spender stiften zweckgebunden, etwas für die Aussätzigen, für die Kinder, für bestimmte Einrichtungen. Jede Spende gelangt an ihren Bestimmungsort.
Im Mutterhaus unterhält Mutter Teresa einen kleinen Verwaltungsstab. Schwestern kümmern sich zusätzlich zu ihren Ordens- und Unterrichtspflichten um die Buchführung, die Korrespondenz, die administrativen Aufgaben. Manchmal bleiben Briefe zu lange unbeantwortet, lassen Entscheidungen zu lange auf sich warten. Mutter Teresa ist inzwischen 77 Jahre alt. Kann ihr Orden weiter wachsen, ohne sich organisatorisch zu modernisieren?
"Wir müssen uns den Notwendigkeiten anpassen", meint Schwester Clare. "Wir brauchen Buchhalterinnen und manches andere, was wir im Anfang nicht hatten. Aber bei diesem Werk handelt es sich um ein Wunder Gottes, nicht um eine menschliche Macht. Gott hat seinen Plan. Er wird die Missionare der Nächstenliebe weiter tragen und leiten."
Pater George D´Campo in Kalkutta äußert sich ganz ähnlich: "Dies ist doch ein Werk, auf dem Segen ruht. Anders kann man es sich gar nicht erklären. Dank Gottes Gnade könnte es einfach immer besser werden. Weil es da ansetzt, wo es auf dieser Welt am nötigsten ist. Es reicht in eine Dimension, von der die Welt keinen Begriff hat."
Einmal, berichtet Pater D´Campo lachend, sagte auf einer Konferenz über die Armut in der Welt ein Priester zu Mutter Teresa : ,Mutter, die Armen betrachten sich als unsere Herren.` Und Mutter Teresa antwortete wie aus der Pistole geschossen: , Die Armen sind der Herr für uns!` Ha! Damit Schluss. Es war alles gesagt!"

Ins Deutsch übertragen von Robert Schnorr