Ja, Mutter, das will ich tun

Auf dem Bahnhof von Howrah im Westen Kalkuttas wimmelt es am Abend von Bettlern jeden Alters. Auf dem Betonboden schlafen verhärmte Frauen mit ihren verdreckten Kindern. Neun Stunden Fahrt sind es mit dem Nachtzug bis in die frühmorgendliche Stille von Bhubaneswar, der neuen Hauptstadt des Bundesstaates Orissa, der sich vom Bengalischen Golf weit ins glühendheiße, trockene Landesinnere erstreckt. Während die Stadt erwacht, erzählt mir Schwester Clare, die Landesoberin des Ordens für Orissa und das nach Südwesten angrenzende Andhra Pradesh, an diesem Märzmorgen von Mutter Teresa.
Schwester Clare war die sechste der ersten zwölf Jüngerinnen, die sich Mutter Teresa anschlossen. Auch sie war Schülerin in der Klosterschule der Loreto-Schwestern in Kalkutta gewesen, und die Direktorin, Schwester Teresa, "sprach vor uns oft über die Armen, um die sich kein Mensch kümmerte. Sie redete uns zu, die Armen im Krankenhaus zu besuchen, und ihrem Beispiel folgend, sparten wir unser Pausenbrot auf und gaben es armen Kindern. Sie hat uns mit ihrer Liebe z u den Armen angesteckt."
Schwester Teresa sei ein stiller Mensch gewesen, nicht besonders faszinierend, keine große Rednerin, eher eine durchschnittliche Nonne, erinnert sich Schwester Clare. Sie "war ein ganz schlichter Mensch. Sie flickte ihre Sachen, stopfte ihre Strümpfe selbst; das einzig Auffallende an ihr war, dass sie ein besonders tiefes Gebetsleben hatte. Ihre beständige Verbindung mit Gott hält sie aufrecht. Wenn man sie beten sieht, möchte man gleich mitbeten."
Eines war diese einsame Nonne vor allem: willenstark. Schwester Clare drückte es so aus: "Der Wille Gottes ist ihr Wille. Für sie ist klar, dass Gott sie berufen hat, dass er sie auch leiten wird." Ihr Vorbild brachte 1949 drei Mädchen dazu, ihr zu folgen, im Jahre 1950 neun weitere, darunter Schwester Clare.
Schwester Clare absolvierte einen kurzen Pharmaziekurs und war bei der Einrichtung der ersten Ambulantorien und Polikliniken durch die kleine Schar beteiligt. "In Kalkutta fragte mich Mutter Teresa eines Tages während einer stillen Zeit, ob ich Angst vor Aussätzigen hätte. Ich sagte: ,Nein, Mutter.' Sie sagte: ,Bist du bereit, sie auf den Strassen aufzusuchen?' Ich sagte: ,Ja, Mutter, das will ich tun.'" Schwester Clare und eine Mitschwester begannen, auf der Strasse bettelnde Aussätzige anzusprechen, sie gingen mit ihnen zu ihren Behausungen, besuchten von da an ihre Kolonien regelmäßig mit Medikamenten und in Begleitung eines Arztes.
"Dann bekamen wir von Mutter einen alten Krankenwagen. Nach und nach gründeten wir fünf Zentren. So haben wir mit der Lepraarbeit angefangen. Acht Jahre habe ich in Kalkutta bei den Aussätzigen gearbeitet."
Schwester Clare hat an vielen Stellen in Indien und in Papua-Neuguinea Dienst getan. Sie hat vielerlei Arbeiten verrichtet, aber noch heute sagt sie: "Die Aussätzigen sind mir am liebsten."